Unternehmen stehen heute unter wachsendem Druck, ihre IT-Strukturen zu modernisieren. Regulatorische Anforderungen steigen, Geschäftsmodelle werden digitaler, und interne Systeme stoßen zunehmend an ihre Grenzen. Plattformstrategien und Enterprise Service Management gelten dabei für viele Organisationen als Schlüssel zur Transformation.
Im Interview sprechen Tobias Egeler, verantwortlich für Netzwirtschaft und Digitalisierung beim Übertragungsnetzbetreiber TransnetBW, und Steven Zurbrüggen, Projektleiter für Enterprise Service Management bei der SHD System-Haus-Dresden GmbH, über ihre Erfahrungen mit Plattformstrategien, IT-Modernisierung und Change Management.
Herr Egeler, welche Rolle spielt IT heute für einen Stromnetzbetreiber?
Tobias Egeler: Zunächst vielleicht zur Einordnung: TransnetBW ist einer von vier Übertragungsnetzbetreibern in Deutschland. Wir betreiben das Höchstspannungsnetz in Baden-Württemberg und sind verantwortlich für den sicheren Transport von Strom über große Entfernungen sowie für die Stabilität des Gesamtsystems in unserer Regelzone.
Unsere Aufgabe ist es, jederzeit das Gleichgewicht zwischen Stromerzeugung und -verbrauch im Übertragungsnetz sicherzustellen. Das ist eine zentrale Voraussetzung für Versorgungssicherheit, wirtschaftliche Stabilität und das Funktionieren unseres Alltags.
Vor diesem Hintergrund spielen IT und Digitalisierung heute eine zentrale Rolle.
Das Energiesystem verändert sich deutlich: Die Stromerzeugung wird dezentraler, gleichzeitig entstehen neue Verbrauchs- und Einspeisepunkte, etwa durch Elektromobilität, Wärmepumpen oder Batteriespeicher.
Um dieses zunehmend dynamische System weiterhin sicher steuern zu können, brauchen wir neben dem Netzausbau auch leistungsfähige digitale Unterstützung – insbesondere IT-Plattformen. IT-Plattformen helfen uns dabei, Prozesse zu koordinieren, Transparenz zu schaffen und den sicheren Betrieb des Übertragungsnetzes – also den sogenannten Systembetrieb – zuverlässig zu unterstützen.
Das klingt so, als wäre Digitalisierung inzwischen Teil des Kerngeschäfts.
Egeler: Ja, IT und Digitalisierung sind für uns heute ein integraler Bestandteil unseres Kerngeschäfts – allerdings klar eingeordnet.
Unser Kernauftrag bleibt unverändert: Wir bauen und betreiben das Stromnetz und sorgen für die Systemsicherheit. Digitale Anwendungen unterstützen uns dabei, diese Aufgaben unter den veränderten Rahmenbedingungen effizient und zuverlässig zu erfüllen.
Es geht also nicht um Digitalisierung um der Digitalisierung willen, sondern um die gezielte Weiterentwicklung unserer bestehenden Prozesse. Digitale Lösungen helfen uns, Informationen besser zu nutzen, Abläufe zu strukturieren, Entscheidungen fundierter zu treffen und das Energiesystem zu steuern.
Entscheidend ist das Zusammenspiel: Physische Infrastruktur und digitale Systeme greifen ineinander. Nur so kann der Systembetrieb im Übertragungsnetz stabil funktionieren.
Sie setzen auf mehrere Plattformen. Warum nicht eine zentrale Lösung?
Egeler: Unsere Aufgaben sind sehr unterschiedlich und reichen vom Netzbetrieb über Marktprozesse bis hin zu Anschlussverfahren.
Diese Vielfalt lässt sich in der Regel nicht sinnvoll in einer einzigen Plattform abbilden. Deshalb setzen wir auf eine strukturierte Plattformlandschaft mit klar definierten Aufgabenbereichen.
Wichtig ist dabei, dass diese Systeme und Plattformen entlang eindeutiger Schnittstellen zusammenarbeiten. So entsteht ein integriertes Gesamtsystem, das sowohl leistungsfähig als auch beherrschbar bleibt.
Unser Ansatz ist es, Komplexität nicht zu erhöhen, sondern durch klare Architekturprinzipien gezielt zu ordnen und transparent zu machen.
Warum ist diese Plattformarchitektur notwendig?
Egeler: Die Anforderungen an das Energiesystem haben sich stark verändert. Wir haben es heute durch die Kleinteiligkeit der Erzeugung und dynamischer Lasten mit viel mehr Akteuren, Massen-Prozessen und steigenden Anforderungen an Geschwindigkeit und Koordination zu tun.
Damit der Systembetrieb im Übertragungsnetz weiterhin sicher und stabil gewährleistet werden kann, müssen Informationen schnell verfügbar sein und Prozesse zuverlässig ineinandergreifen. Digitale Plattformen unterstützen uns dabei, diese Abläufe zu strukturieren und effizient zu organisieren.
Dabei gilt für uns ein klarer Grundsatz: Digitale Systeme unterstützen den Betrieb unserer Systeme und Prozesse – sie ersetzen nicht den physikalischen Systembetrieb des Netzes. Die Verantwortung liegt weiterhin in klar definierten, abgesicherten Prozessen.
In kritischen Infrastrukturen spielt Sicherheit eine große Rolle. Wie berücksichtigen Sie das?
Egeler: Sicherheit hat für uns höchste Priorität. Als Betreiber kritischer Infrastruktur unterliegen wir klaren regulatorischen Vorgaben und sehr hohen Anforderungen an den Schutz unserer Systeme und Daten. Diese Anforderungen berücksichtigen wir konsequent bei der Entwicklung und dem Betrieb unserer digitalen Lösungen.
Wir differenzieren sorgfältig nach Anwendungsfällen und stellen sicher, dass Systeme jeweils in geeigneten, kontrollierten Umgebungen betrieben werden. Dabei spielen Aspekte wie Verfügbarkeit, Resilienz und Schutz sensibler Informationen eine zentrale Rolle.
Unser Ziel ist es, die Systemsicherheit im Übertragungsnetz nicht nur zu erhalten, sondern durch geeignete digitale Lösungen gezielt zu stärken.
Herr Zurbrüggen, Ihr Unternehmen hat Enterprise Service Management eingeführt. Was war der Auslöser dafür?
Steven Zurbrüggen: Wir haben unser Geschäft Anfang der 1990er-Jahre aufgebaut und im Laufe der Zeit viele eigene Service-Tools entwickelt. Das hat lange gut funktioniert. Irgendwann stellte sich jedoch heraus, dass diese Systeme nicht mehr zukunftsfähig waren. Am Ende hatten wir fünf unterschiedliche Systeme im Einsatz, die kaum miteinander kommuniziert haben. Viele Prozesse liefen manuell. Außerdem konnten wir einige Komponenten nicht mehr aktualisieren.
ESM wurde also zur strategischen Entscheidung?
Zurbrüggen: Genau. Für uns ist das Enterprise Service Management heute das zentrale Arbeitstool. Darüber laufen nahezu alle operativen Prozesse unserer Techniker.
Neue Systeme einzuführen, bedeutet oft auch kulturellen Wandel. Wie haben Ihre Mitarbeitenden darauf reagiert?
Zurbrüggen: Mit gemischten Gefühlen. Viele Kollegen haben sich gefragt, warum alte Prozesse nicht einfach übernommen werden können. Der klassische Satz lautet: „Das hat doch vorher funktioniert.“ Das ist ein typisches Change-Thema. Wenn Menschen jahrzehntelang bestimmte Arbeitsweisen gewohnt sind, verändert sich das nicht innerhalb weniger Wochen.
Herr Egeler, erleben Sie ähnliche Herausforderungen?
Egeler: Ja, absolut. Transformation ist immer auch eine organisatorische und kulturelle Aufgabe. Neue Systeme und Prozesse verändern Arbeitsweisen. Deshalb ist es wichtig, die Mitarbeitenden frühzeitig einzubinden, transparent zu kommunizieren und gezielt zu qualifizieren.
Gleichzeitig braucht es klare Entscheidungen: Wenn bestehende Systeme an ihre Grenzen stoßen, müssen sie weiterentwickelt werden. Das geschieht bei uns strukturiert und mit einem klaren Fokus auf unsere Kernaufgabe: den sicheren Systembetrieb.
Welche Rolle hat Materna bei Ihren Projekten gespielt?
Zurbrüggen: Die Consultants von Materna haben unseren Teams geholfen, Prozesse neu zu denken und den Blick stärker auf Standards zu richten. Damit hat Materna die Rolle des neutralen Experten eingenommen.
Egeler: Bei uns lag der Fokus stärker auf technischer Integration, etwa bei ServiceNow oder bei Cloud-Themen. Gleichzeitig arbeiten wir mit Materna aber auch in anderen Bereichen zusammen, etwa beim Plattformbetrieb oder bei Cloudstrategien.
Wenn Sie heute zurückblicken: Hat sich die Transformation gelohnt?
Egeler: Ja, aus unserer Sicht eindeutig. Wir sehen, dass eine gut abgestimmte System- und Plattformlandschaft dazu beiträgt, Prozesse transparenter zu gestalten, Schnittstellen zu verbessern und Abläufe effizienter zu organisieren.
Gleichzeitig hilft sie uns, die steigende Komplexität im Energiesystem besser zu beherrschen und unsere Verantwortung für einen sicheren Systembetrieb und damit für die Versorgungsicherheit zuverlässig wahrzunehmen.
Wichtig ist aber: Transformation ist kein einmaliges Projekt, sondern ein kontinuierlicher Prozess. Wir entwickeln unsere Systeme und Prozesse Schritt für Schritt weiter – immer mit dem Ziel, Versorgungssicherheit, Effizienz und Zukunftsfähigkeit in Einklang zu bringen.
Zurbrüggen: Dem kann ich nur zustimmen. Unsere Systeme sind deutlich moderner geworden, viele Prozesse wurden neu gedacht. Natürlich ist die Transformation noch nicht abgeschlossen. Aber die Richtung stimmt.