
Organigramme zeigen Menschen, Hierarchien, Rollen, Verantwortlichkeiten. Aber was wäre, wenn der nächste Mitarbeitende kein Mensch ist? Was zunächst befremdlich klingt, wird für immer mehr Unternehmen zur Realität. Analysten wie Gartner sprechen bereits von einer neuen Ära der „Agentic AI“ – einer digitalen Belegschaft, die nicht nur unterstützt, sondern eigenständig handelt. Statt passiver Tools entstehen autonome KI-Agenten, die komplexe Aufgaben übernehmen, Entscheidungen treffen und als „silicon-based workforce“ Teil der Organisation werden.
Die Prognosen sind eindeutig: Bis Ende 2026 werden rund 40 % aller Unternehmensanwendungen agentische KI enthalten – 2025 waren es weniger als fünf Prozent. Und bis 2028 könnten bereits 15 % aller alltäglichen Entscheidungen autonom durch KI getroffen werden. Gleichzeitig zeigen Studien, unter anderem von Deloitte, dass dieser Wandel nicht nur Chancen birgt, sondern auch Risiken: Fehlende Anpassungen von Prozessen, unklare Verantwortlichkeiten und kulturelle Widerstände zählen zu den größten Herausforderungen.
Denn so tiefgreifend die technologischen Veränderungen auch sind – sie führen zu einer viel grundsätzlicheren Frage: Was macht das eigentlich mit uns Menschen? Welche Rolle haben Mitarbeitende künftig in einer Organisation, in der digitale Kollegen eigenständig arbeiten? Und was bedeutet es für Unternehmen, wenn nicht nur Menschen, sondern auch Maschinen Teil des Teams sind?
Wir sprechen dazu mit Nina Moeller, CEO und Transformationsexpertin bei Materna TMT, darüber, wie Unternehmen KI-Agenten sinnvoll integrieren, welche Rolle Führung künftig einnimmt – und warum der entscheidende Erfolgsfaktor nicht in der Technologie liegt, sondern im Umgang mit den Menschen.
Wie fühlt sich der Gedanke an, dass der nächste Kollege eine KI sein könnte?
Für viele fühlt sich dieser Gedanke zunächst einmal befremdlich an. Ich habe ihn selbst lange mit mir herumgetragen, ohne ihn auszusprechen. Genau daraus ist jedoch etwas Spannendes entstanden: die Frage, was passiert, wenn wir KI nicht nur als Werkzeug betrachten, sondern tatsächlich wie einen Mitarbeitenden behandeln.
Was bedeutet das konkret für Ihr Unternehmen?
Wir haben KI tatsächlich in unser Organigramm aufgenommen – mit klar definierten Rollen, Verantwortungsbereichen und voller Transparenz für alle Mitarbeitenden. Uns war wichtig, KI nicht nur als Tool zu sehen, sondern als Teil unserer Organisation.
Das klingt nach einem radikalen Schritt. Warum haben Sie sich dafür entschieden?
Weil wir erkannt haben: Wenn KI bereits Teil unserer täglichen Arbeit ist, dann sollten wir sie auch organisatorisch sichtbar machen. Alles andere wäre inkonsequent. Gleichzeitig zwingt uns dieser Schritt dazu, uns intensiver mit der Frage auseinanderzusetzen, wie Zusammenarbeit in Zukunft aussehen soll.
Welche Reaktionen erleben Sie bei Mitarbeitenden – gab es auch kritische Stimmen oder Widerstände?
Die Reaktionen sind sehr unterschiedlich und reichen von Begeisterung bis hin zu Skepsis und Unsicherheit. Die häufigste Frage ist dabei ganz klar: „Werden wir ersetzt?“ – und das ist absolut nachvollziehbar. Entscheidend ist, wie wir als Führungskräfte damit umgehen. Solche Sorgen dürfen nicht relativiert oder wegdiskutiert werden, sondern müssen ernst genommen werden. Für uns war es deshalb wichtig, transparent zu bleiben, zuzuhören und die Emotionen bewusst aufzugreifen. Genau das ist zentrale Führungsarbeit in solchen Veränderungsprozessen.
Was bedeutet diese Entwicklung noch konkret für Führung?
Führung befindet sich aktuell in einem grundlegenden Wandel. Historisch kommen wir aus einer Welt der Kontrolle und Steuerung. Heute geht es viel stärker darum, Orientierung zu geben. In Zukunft werden Führungskräfte vor allem eines sein: Raumöffner. Sie schaffen Rahmenbedingungen, in denen Menschen – und zunehmend auch KI – effektiv zusammenarbeiten können.
Sie sprechen bewusst von Zusammenarbeit mit KI und nicht von Ersatz. Warum?
Wir bewegen uns auf hybride Teams zu, in denen Menschen und KI gemeinsam arbeiten. Studien zeigen, dass diese Kombination zum Standard werden wird. Die entscheidende Frage ist daher nicht mehr, ob das passiert, sondern wie wir diese Zusammenarbeit gestalten.
Was verändert sich dadurch in Organisationen?
Die Auswirkungen sind erheblich. Die klassische Pyramidenstruktur mit vielen Einstiegsrollen wird sich verändern. Routineaufgaben entfallen zunehmend durch KI. Das führt dazu, dass es weniger klassische Einstiegstätigkeiten gibt, gleichzeitig aber die Verantwortung und die Anforderungen für alle Mitarbeitenden steigen.
Und was bedeutet das für Führungskräfte selbst?
Auch hier sehen wir deutliche Verschiebungen. Ein großer Teil klassischer Managementaufgaben kann künftig von KI übernommen werden – teilweise bis zu zwei Drittel im mittleren Management. Das bedeutet jedoch nicht weniger Führung, sondern eine andere Art von Führung: weniger Verwaltung, mehr Fokus auf die Entwicklung von Menschen.
Was bleibt in dieser Entwicklung im Kern menschlich?
Genau das wird zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Je intelligenter unsere Systeme werden, desto wichtiger werden Fähigkeiten wie Empathie, kreatives Denken oder Resilienz. Das bestätigen auch Studien des World Economic Forum.
Denn diese Fähigkeiten sind die Grundlage dafür, was in Zukunft hinzukommt: die Fähigkeit, unterschiedliche Formen von Intelligenz sinnvoll zusammenzubringen. Oder anders formuliert: Wir orchestrieren künftig nicht mehr nur Menschen, sondern auch KI. Diese Orchestrierung ist jedoch keine rein organisatorische Aufgabe – sie erfordert ein tiefes Verständnis für Menschen, Kontext und Zusammenarbeit. Genau hier bleiben menschliche Stärken unersetzlich.
Zurück zu Ihren persönlichen Erfahrungen: Wie fällt Ihr Fazit nach einem Jahr aus? Hat sich der Schritt gelohnt?
Ja, definitiv. Viele Kolleginnen und Kollegen gehen heute ganz selbstverständlich damit um und sagen: „Das ist doch längst normal.“ Genau darum geht es: nicht sofort perfekte KI-Agenten zu haben, sondern frühzeitig ein entsprechendes Mindset zu entwickeln.
Was ist für Sie persönlich die wichtigste Erkenntnis aus diesem Prozess?
Dass es am Ende nie um Technologie ging. Es geht um Mut, um Verantwortung und um die Bereitschaft, Führung neu zu denken. Denn letztlich entscheidet nicht die KI darüber, wie wir arbeiten – sondern wir entscheiden, wie menschlich diese Zukunft sein wird.