Zwischen Innovationsdruck und Kontrollverlust

Souverän wird KI dann, wenn Organisationen sie produktiv nutzen können, ohne die Kontrolle über Daten, Regeln und Abhängigkeiten zu verlieren.

Souveräner KI-Einsatz

Mehr als Technologie – eine Frage der Entscheidungsfreiheit

Künstliche Intelligenz gilt als Schlüsseltechnologie der kommenden Jahre. Doch je sensibler die Einsatzfelder werden, etwa in kritischen Infrastrukturen, im Public Sector oder in sicherheitsrelevanten Organisationen, desto lauter wird eine andere Frage: Wie souverän ist der KI-Einsatz eigentlich? Im Gespräch mit den KI-Experten Thomas Feld und Carsten Seck von Materna wird schnell klar: Souveränität ist kein technisches Etikett, sondern eine strategische Haltung und oft der entscheidende Faktor dafür, ob KI produktiv eingesetzt werden kann oder nicht.  

„Es gibt nicht den einen Souveränitätsbegriff“ 

Wer nach einer klaren Definition sucht, wird zunächst gebremst. „Es gibt nicht den einen festen Souveränitätsbegriff“, stellt Thomas Feld gleich zu Beginn klar. Souveränität lasse sich weder pauschal zuschreiben noch binär bewerten. 

„Man kann nicht sagen: Das eine System ist souverän, das andere nicht.“ 

Entscheidend sei immer der konkrete Use Case und die Anforderungen der Organisation, die KI einsetzen möchte.  

Statt eines Entweder-oder beschreiben die Gesprächspartner eine Skala der Souveränität. Am einen Ende stehen vollständig Open-Source-basierte On-Prem-Lösungen mit maximaler Kontrolle, am anderen Public-Cloud-Angebote großer Hyperscaler, die unter bestimmten Rahmenbedingungen ebenfalls souverän betrieben werden können. Dazwischen liegen zahlreiche Abstufungen. Carsten Seck fasst es so zusammen:

 Souveränität bedeutet, „gemäß eines vorher festgelegten Regelwerks Zugriff und Durchgriffsmöglichkeiten auf die verwendeten Systeme zu haben“ – und damit Sicherheit, Datenschutz und Datenverarbeitung nachvollziehbar steuern zu können. 

Wie stark diese Regler eingestellt werden, sei eine bewusste Entscheidung. 

Entscheidungsfreiheit statt Technikfixierung 

Diese Sicht ergänzt Thomas Feld um eine strategische Perspektive. Für ihn steht weniger die einzelne Lösung im Fokus als die Handlungsfreiheit von Organisationen. „Souveränität meinen wir hier als die Souveränität von Unternehmen und Behörden“, erklärt er. Gemeint sei vor allem die Freiheit, Entscheidungen treffen zu können, ohne durch technologische, wirtschaftliche oder geopolitische Abhängigkeiten eingeschränkt zu sein.  

Dazu gehört aus seiner Sicht zwingend die Datensouveränität. „Dass ich Herr meiner Daten bin“, sei ein zentraler Bestandteil. Ebenso wichtig: wirtschaftliche Unabhängigkeit. Niemand wolle in eine Situation geraten, in der das eigene Geschäft oder zentrale Verwaltungsprozesse nur noch funktionieren, solange ein einzelner Anbieter mitspielt. Für staatliche Akteure komme eine weitere Ebene hinzu: politische Souveränität, also die Fähigkeit, eigene Regeln und Gesetze für den Einsatz von KI und neuen Technologien zu definieren.  

Was souveränen KI-Einsatz wirklich ausmacht 

Gerade hier zeigt sich der Unterschied zwischen einem souveränen und einem rein technologiegetriebenen KI-Ansatz. Ein technologiegetriebener Einsatz orientiert sich häufig am maximalen Funktionsumfang oder am größten Innovationsvorsprung. Ein souveräner Ansatz dagegen beginnt mit der Frage: Welche Anforderungen habe ich und was bin ich bereit, dafür in Kauf zu nehmen? 

„Der technologisch souveräne KI-Einsatz heißt eigentlich, je nachdem welche Anforderungen ich habe, die richtige Plattform zu wählen“, 

so Carsten Seck. Hyperscaler böten enorme technologische Vorteile und globale Skalierbarkeit, führten aber zwangsläufig zu wirtschaftlichen Abhängigkeiten. Nationale oder europäische Plattformen seien oft weniger weit fortentwickelt, ermöglichten dafür aber eine höhere Unabhängigkeit. Mischplattformen wiederum versuchten, beide Welten miteinander zu verbinden.  

Die Konsequenz daraus ist klar: Souveränität entsteht nicht durch Verzicht, sondern durch bewusste Wahlmöglichkeiten. Thomas Feld betont deshalb die Bedeutung von Multi-Cloud-Strategien. Wer mit unterschiedlichen Plattformen arbeiten kann und nicht auf einen Anbieter festgelegt ist, erhöht seine eigene Entscheidungsfreiheit und damit seine Souveränität. 

Das Souveränitätsdilemma bremst KI-Produktivität 

Trotzdem bleibt der produktive KI-Einsatz in vielen Organisationen hinter den Erwartungen zurück, insbesondere in KRITIS-Unternehmen, im Public Sector, bei sicherheitsrelevanten Organisationen und im Verteidigungsumfeld. Der Grund liegt laut Thomas Feld in einem grundlegenden Spannungsfeld: Einerseits besteht der Anspruch, technologische Spitzenleistungen zu nutzen, andererseits gelten extrem hohe Anforderungen an Sicherheit, Datenschutz und Compliance. Laut Statistischem Bundesamt nennen 51 Prozent der Unternehmen Unklarheiten über rechtliche Folgen als Grund für ihre Zurückhaltung, KI-Systeme produktiv einzusetzen. Beides gleichzeitig umzusetzen, ist komplex. Der Modernisierungsstau kann nur durch rechtskonforme KI gelöst werden. 

Souveränität als strategischer Schlüssel 

Am Ende des Gesprächs wird deutlich: Souveränität im KI-Kontext ist kein technisches Detail, sondern ein strategisches Leitprinzip. Sie entscheidet darüber, ob Organisationen KI nicht nur pilotieren, sondern dauerhaft und verantwortungsvoll produktiv einsetzen können. Oder, anders gesagt: Nicht die modernste KI ist die beste, sondern diejenige, über die man selbst die Kontrolle behält.

Die sechs Sovereign AI Core Solutions von Materna 

Wie sich souveräner KI-Einsatz konkret umsetzen lässt, zeigt Materna anhand von sechs Sovereign AI Core Solutions. Sie decken zentrale Anwendungsfelder ab, in denen Künstliche Intelligenz Organisationen wirksam entlastet und gleichzeitig hohe Anforderungen an Sicherheit, Transparenz und Compliance erfüllt. 

Dazu zählen Agenten- und Assistenzsysteme, die Fachkräfte bei komplexen Aufgaben unterstützen oder diese teilautonom übernehmen, sowie KI-gestützte Service- und Prozessautomatisierung, mit der sich Ende-zu-Ende-Abläufe effizient und regelkonform automatisieren lassen. Im Wissens- und Dokumentenmanagement erschließt KI große Mengen unstrukturierter Informationen und macht sie kontextbezogen nutzbar. Datenanalyse- und Prognosesysteme ermöglichen es, Muster, Risiken und Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und fundierte Entscheidungen zu treffen. Ergänzt wird das Portfolio durch digitale Zwillinge, die reale und digitale Welt für Simulation und Steuerung synchronisieren, sowie digitale Lagebilder, die heterogene Datenquellen zu einem aktuellen, belastbaren Gesamtbild zusammenführen. 

Gemeinsam bilden diese sechs Sovereign AI Core Solutions das Fundament für einen souveränen, praxisnahen und skalierbaren KI-Einsatz – abgestimmt auf die jeweiligen Anforderungen von Unternehmen und Behörden. 

KI dort, wo sie wirkt 

  1. In Behörden und KRITIS-Organisationen kommen KI-basierte Agenten- und Assistenzsysteme dort zum Einsatz, wo Fachkräfte durch hohe Dokumentations- und Datenlast gebunden sind. Praxisprojekte zeigen, wie KI Fachverfahren erklärt, Akten strukturiert und Informationen aus verschiedenen Systemen zusammenführt. Die Systeme arbeiten innerhalb der bestehenden Kundeninfrastruktur und entlasten Mitarbeitende spürbar von manueller Recherche- und Copy-Paste-Arbeit.  

  2. KI-gestützte Prozessautomatisierung wird insbesondere bei komplexen, stark regulierten Abläufen eingesetzt. Beispiele reichen von agentischen Prüf- und Genehmigungsplattformen über Bewerbermanagement-Lösungen bis hin zu Law2Logic, wo Gesetzesänderungen automatisiert analysiert und direkt in Entscheidungslogiken überführt werden. 

  3. Im Wissens- und Dokumentenmanagement unterstützt KI Organisationen dabei, große Mengen unstrukturierter Informationen nutzbar zu machen. In der Praxis werden etwa Justizakten automatisiert strukturiert, Produkt- und Fachdokumentationen generiert oder KI-gestützte Wissensarbeitsplätze für E-Akten aufgebaut. 

  4. Digitale Lagebilder kommen überall dort zum Einsatz, wo Entscheidungen unter Zeitdruck auf Basis fragmentierter Daten getroffen werden müssen. Praxisbeispiele sind gemeinsame Lagebilder für Bund und Länder, Gefährdungs- und Krisenmanagement in kritischen Infrastrukturen oder kommunale Resilienzprojekte für Städte und Gemeinden. KI führt Daten aus Sensorik, GIS-Systemen, Berichten oder weiteren Quellen automatisiert zusammen, bewertet die Gesamtsituation und hebt kritische Entwicklungen für Entscheidungsträger hervor. 

  5. Digitale Zwillinge werden eingesetzt, um reale Infrastrukturen und Prozesse kontinuierlich mit digitalen Modellen zu synchronisieren. In Projekten wie der nachhaltigen Bewirtschaftung eines Staatswaldes, im Gefährdungsmanagement von Energie- und Gasnetzen oder in kommunalen Resilienzvorhaben ermöglichen sie Simulation, Analyse und vorausschauende Steuerung. Abweichungen zwischen digitalem Modell und Realität werden früh erkannt, sodass Engpässe, Verschleiß oder Sicherheitsrisiken präventiv adressiert werden können. 

  6. KI-gestützte Analyse- und Prognosesysteme unterstützen Organisationen dabei, aus Massendaten frühzeitig belastbare Handlungsempfehlungen abzuleiten. Beispiele sind strategische Verkehrsplanung, Besucherstromanalysen, Predictive Maintenance oder die Überwachung kritischer Infrastrukturen. Prognosen helfen, Risiken und Engpässe zu erkennen, bevor sie operativ wirksam werden. 

Praxisbeispiele: Regulatorik in den Sovereign AI Core Solutions 

Regulatorische Anforderungen sind der zentrale Treiber für die Materna Sovereign AI Core Solutions. KI-gestützte Systeme wie Videoüberwachung und Liegenschaftsüberwachung unterstützen Kunden dabei, regulatorische Berichtspflichten automatisiert und konform zu erfüllen, insbesondere im Bereich digitales Lagebild und digitaler Zwilling. KI-Modelle werden auch zur Betrugserkennung eingesetzt, beispielsweise um falsche Identitäten oder manipulierte Fotos auf Plattformen zu erkennen. Lösungen wie Law2Logic analysieren Gesetzesänderungen automatisch und übertragen relevante Anpassungen direkt in Entscheidungslogiken. Behörden können Fachverfahren, Textbausteine und Kommunikation so in wenigen Tagen statt Monaten aktualisieren. 

Ihre Ansprechpartner

Matthias Szymansky, Competence Center Leiter Analytics & AI, Public Sector
Carsten Seck, Vice President Enterprise Transformation Data & AI
Thomas Feld, Vice President Data Economics und AI

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