Digitale Technologien können das Leben in unseren Wohnungen und Quartieren spürbar verbessern – wenn sie sinnvoll eingesetzt werden. Das Forschungsprojekt ForeSightNEXT zeigt, wie das konkret aussehen kann. Vier spannende Praxisbeispiele machen deutlich, welche Chancen intelligente Services bieten – für Bewohnerinnen und Bewohner, für Vermieterinnen und Vermieter und für ganze Stadtteile.
ForeSightNEXT ist das Leitprojekt im Technologieprogramm SmartLivingNEXT des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz. Ziel des Projekts ist es, ein sicheres, vertrauenswürdiges und offenes Ökosystem für Smart-Living-Anwendungen zu schaffen.
Im Zentrum steht dabei der sogenannte SmartLivingNEXT-Datenraum. Er basiert auf Gaia-X-Prinzipien und ermöglicht es verschiedenen Akteuren von Mieter:innen über Energieversorger bis hin zu Hausverwaltungen und Wohnungsunternehmen, Daten sicher, kontrolliert und bedarfsgerecht auszutauschen.
Durch diese föderierte Datenraumarchitektur sollen innovative Anwendungen für mehr Energieeffizienz, Wohnkomfort und Sicherheit entstehen – ohne zentrale Datenspeicherung und unter voller Kontrolle der Datenbesitzer.
Die Möglichkeiten, die der SmartLivingNEXT-Datenraum bietet, sind schier unendlich und derzeit lediglich durch technische oder hardwareseitige Einschränkungen begrenzt. So liefern etwa in Heizungsanlagen verbaute SmartMeter bisher lediglich auf Anfrage die 15-Minutenwerte der vorangegangenen 24 Stunden. Eine zeitnahe Identifikation von ungewöhnlichen Mustern wäre darauf basierend auch wenn die Werte im Zähler vorliegen.
Diese und ähnliche Hürden einmal weggedacht, wären zahlreiche Anwendungsfälle möglich. Wir stellen exemplarisch vier Wege vor, wie durch den Einsatz eines SmartLivingNEXT-Datenraumes nicht nur Heizkosten effektiv gesenkt, sondern tatsächliche Leben gerettet werden können.
Familie Schneider wohnt im dritten Stock eines Mehrfamilienhauses in einer deutschen Großstadt. Wie viele Mieter:innen fragen sich jeden Winter: „Wie hoch wird unsere nächste Heizkostenabrechnung?“ Zwar sind digitale Heizkostenverteiler im Haus längst installiert, doch wer seinen aktuellen Verbrauch wissen möchte, muss bislang entweder aufwendig bei der Hausverwaltung anfragen oder warten, bis die Jahresabrechnung ins Haus flattert.
SmartLivingNEXT ändert das: Über eine intuitiv bedienbare App können verifizierte Mieter:innen wie Familie Schneider ihre aktuellen Heizkosten selbst abrufen – schnell, unkompliziert und datensouverän. Die Daten werden nicht zentral gesammelt, sondern über einen sogenannten föderierten Datenraum nach Gaia-X-Prinzipien verwaltet. Das heißt: Die Daten bleiben unter Kontrolle der Eigentümer:innen und werden nur dann bereitgestellt, wenn Mieter:innen wie die Schneiders aktiv darauf zugreifen.
Die Vorteile sind spürbar: Familie Schneider sieht auf einen Blick, wie sich ihr Verbrauch im Vergleich zum Vormonat entwickelt hat und erhält auf Wunsch sogar Tipps zur Energieeinsparung. Das motiviert, schont das Portemonnaie und entlastet gleichzeitig die Hausverwaltung, die keine individuellen Anfragen mehr beantworten muss. Gleichzeitig entsteht ein Anreiz für nachhaltiges Verhalten – denn wer seinen Verbrauch kennt, spart meist auch bewusster Energie.
Herr Weber ist 81 Jahre alt und lebt allein in seiner Wohnung. Er fühlt sich wohl in seinen vertrauten vier Wänden – und achtet seit jeher auf eine konstante Raumtemperatur von etwa 20 Grad. Das weiß auch seine Heizung, die über ein smartes Thermostat gesteuert wird und zusammen mit Temperatur-Sensoren regelmäßig Messwerte liefert.
Doch seit einigen Wochen zeigt das System ein ungewöhnliches Verhalten: Die Raumtemperatur in Herrn Webers Wohnung liegt dauerhaft bei rund 22 Grad – also deutlich höher als gewohnt. Für sich genommen wäre das vielleicht kein Problem. Doch moderne KI-Systeme können mehr: Sie erkennen Muster und Veränderungen, die auf den ersten Blick unscheinbar wirken – aber im Kontext entscheidende Hinweise liefern.
Ein solches, dauerhaft verändertes Heizverhalten kann zum Beispiel darauf hindeuten, dass sich bei Herrn Weber gesundheitlich etwas verändert hat:
Natürlich stellt die KI keine medizinische Diagnose, aber sie registriert auffällige Abweichungen vom normalen Verhalten. Und genau das macht den Unterschied:
In enger Abstimmung mit Herrn Weber und seinen Angehörigen kann über das Smart-Living-System eine vorsichtige Nachfrage oder ein Präventionshinweis ausgelöst werden. Vielleicht reicht schon ein Anruf, vielleicht ist es sinnvoll, einmal beim Hausarzt vorstellig zu werden.
Das Besondere: Herr Weber entscheidet jederzeit selbst, ob und welche Informationen weitergegeben und in einer KI verarbeitet werden. Der föderierte Datenraum von SmartLivingNEXT sorgt dafür, dass seine Daten sicher bleiben und er die volle Kontrolle behält.
So wird aus smarter Technik ein sensibler Alltagsbegleiter – der nicht überwacht, sondern schützt. Und der ganz nebenbei dabei hilft, Gesundheit zu fördern, bevor es überhaupt zu einem Problem kommt.
Im Stadtteil Sonnenhöhe plant die Kommune gemeinsam mit dem örtlichen Energieversorger ein neues Wärmenetz. Doch wie dimensioniert man es richtig? Wo entsteht in den nächsten Jahren Neubebauung? Wie viele Häuser sind bereits saniert? Welche Heizsysteme nutzen die Haushalte heute – Gas, Wärmepumpe oder Fernwärme?
Fragen wie diese ließen sich bisher nur schwer beantworten. Die Daten waren verstreut, unvollständig oder veraltet. SmartLivingNEXT bringt hier den Durchbruch: Über den föderierten Datenraum können alle Beteiligten – von den Hausverwaltungen über Netzbetreiber bis zur Kommune und den beteiligten Wohnungsunternehmen – ihre Daten sicher austauschen. Dank standardisierter Schnittstellen fließen Informationen zu Energieverbrauch, geplanten Bauprojekten oder bestehenden Heizquellen zentral zusammen, ohne dass jemand seine Datenhoheit aufgeben muss.
Das Ergebnis: Der Stadtteil Sonnenhöhe hat eine Planungsgrundlage in Echtzeit. Netzbetreiber können das Wärmenetz optimal auslegen, die Kommune erkennt frühzeitig die Förderbedarfe und Hausbesitzer:innen werden gezielt in Sanierungsmaßnahmen eingebunden.
Beispiel 1: Eine vierköpfige Familie ist in den Urlaub gefahren. Die Wohnung ist leer, der Stromverbrauch sollte entsprechend niedrig sein. Doch plötzlich registriert das System einen anhaltend hohen Energieverbrauch – über mehrere Stunden hinweg. Die App schlägt Alarm: „Ungewöhnlich hoher Stromverbrauch während Abwesenheit“. Ein Blick in die Wohnung durch den benachrichtigten Onkel klärt schnell auf: Die Kühlschranktür war nicht richtig geschlossen. Lebensmittel konnten gerettet, ein teurer Schaden verhindert werden.
Beispiel 2: Herr Koller, ein rüstiger 78-Jähriger, lebt allein. Normalerweise zeigt sein Stromverbrauch einen klaren Rhythmus: Ab 23 Uhr sinkt die Kurve spürbar ab. Doch plötzlich brennt das Licht in seiner Wohnung dauerhaft und der Fernseher ist auch nicht ausgeschaltet. Die Verbrauchswerte steigen ungewöhnlich an und weisen auch keine Schwankungen an, wie dies beim gelegentlichen Öffnen des Kühlschranks oder beim Kochen der Fall sein müsste. Die App seiner Tochter schlägt Alarm: „Atypisches Verbrauchsverhalten festgestellt – möglicherweise medizinischer Notfall“. Ein schneller Anruf bleibt unbeantwortet, der Pflegedienst wird informiert – zum Glück rechtzeitig. Herr Koller hatte einen Schwächeanfall erlitten und konnte nicht mehr selbst Hilfe holen.
SmartLivingNEXT zeigt, wie praxisnah und zugleich datensouverän digitale Innovationen im Smart-Living-Umfeld umgesetzt werden können. Der föderierte Datenraum nach Gaia-X-Prinzipien bildet dabei die technologische Grundlage für vertrauenswürdige, vernetzte Services, die den Alltag spürbar verbessern – energieeffizient, sicher und individuell anpassbar.
Ob Heizkostenkontrolle, Gesundheitsvorsorge oder kommunale Wärmeplanung: SmartLivingNEXT bringt Digitalisierung dorthin, wo sie einen echten Unterschied macht – mitten ins Leben.
Gaia-X ist eine europäische Initiative mit dem Ziel, eine sichere und vertrauenswürdige Dateninfrastruktur zu schaffen. Im Mittelpunkt steht die Idee der digitalen Souveränität: Daten sollen nicht unkontrolliert in zentrale Plattformen großer Tech-Konzerne abfließen, sondern unter der Kontrolle ihrer Besitzer:innen bleiben. Dafür setzt Gaia-X auf offene Standards, Transparenz und Interoperabilität – also die Möglichkeit, unterschiedliche Systeme sicher miteinander zu verbinden.
Ein föderierter Datenraum – wie er im Technologieprogramm SmartLivingNEXT zum Einsatz kommt – folgt genau diesen Prinzipien. Er funktioniert wie ein digitales Netzwerk aus vielen dezentralen Datenspeichern. Das Besondere: Daten bleiben immer bei denjenigen, denen sie gehören, und werden nur dann gezielt geteilt, wenn es notwendig ist und alle Beteiligten zustimmen.
Technisch sorgen sogenannte „Connectoren“ dafür, dass dieser Austausch sicher, standardisiert und nachvollziehbar und nach bestimmten Regeln abläuft. So können verschiedenste Akteure – von Mietenden über Vermietende bis hin zu Städten und Energieversorgern – zusammenarbeiten, ohne dabei ihre Datenhoheit aufzugeben.