Die Welt steht am Beginn des neuen Datenzeitalters. Bis 2025 wird das weltweite Datenvolumen auf etwa 163 Zettabyte anwachsen – Tendenz steigend. Inmitten dieser digitalen Transformation verändern sich nicht nur Geschäftsmodelle und Alltagskommunikation, sondern auch sicherheitskritische Infrastrukturen – einschließlich der Streitkräfte.
Eine zentrale Rolle spielt dabei der Ansatz der Software Defined Defence (SDD). Die Grundidee: Die Leistungsfähigkeit militärischer Systeme hängt nicht mehr primär von physischer Hardware ab, sondern zunehmend von deren Software. Neue Funktionen, schnellere Reaktionszeiten und höhere Anpassungsfähigkeit lassen sich heute u. a. über Software-Updates realisieren.
Dieser Paradigmenwechsel ist nicht nur technologisch spannend – er ist sicherheitspolitisch notwendig. Denn zukünftige militärische Effizienz wird nicht mehr durch die Größe einer Armee definiert, sondern durch ihre digitale Agilität.
Software Defined Defence überträgt Konzepte aus der modernen IT auf das Verteidigungswesen. Wie bei Software Defined Networking oder Cloud-nativen Architekturen liegt der Fokus auf Flexibilität, Modularität und Interoperabilität. Militärsysteme sollen in der Lage sein, schnell neue Software-Funktionen zu integrieren, ohne die physische Hardware anzupassen.
Für Organisationen wie die Bundeswehr wird diese Herangehensweise entscheidend: Sie erlaubt eine ständige Weiterentwicklung auch älterer Systeme – und das deutlich schneller als durch klassische Hardware-Modernisierung.
Damit SDD funktioniert, müssen mehrere technische und organisatorische Voraussetzungen geschaffen werden. Entsprechende Lösungsansätze gehören zu den Kernkompetenzen von Materna. Ein zentrales Thema ist die Fähigkeit, Software „in the field“ zu aktualisieren. Hierzu braucht es leistungsfähige Software Factories sowie verlegefähige Rechenzentren, die auch in widrigen Einsatzszenarien Daten verarbeiten, verteilen und sichern können.
Ein weiterer kritischer Punkt ist die Cybersicherheit. Software-definierte Systeme müssen nicht nur ihre Kommunikation verschlüsseln, sondern auch sicherstellen, dass sie authentisch, unverfälscht und jederzeit verfügbar sind. Hier gelten die klassischen vier Prinzipien:
Viele bestehende militärische Plattformen wurden nicht für Software-definierte Anwendungen konzipiert. Dennoch können sie in eine moderne Architektur eingebettet werden. Voraussetzung ist die Analyse ihrer Schnittstellen, Sensorik und Kommunikationsfähigkeit. Darauf aufbauend kann eine Enterprise Architektur entwickelt werden, die Datenflüsse, Protokolle und Interaktionen neu definiert und standardisiert.
Mithilfe sogenannter Middleware lassen sich Alt- und Neusysteme verbinden. Containerisierte Anwendungen, wie sie in der zivilen IT genutzt werden (z. B. Kubernetes-Cluster), spielen hier eine zentrale Rolle. In Miniaturform, die die Größe einer Streichholzschachtel hat, können solche Systeme sogar direkt auf Fahrzeuge oder andere Plattformen aufgebracht werden.
Die Umsetzung von Software Defined Defence erfordert eine enge Zusammenarbeit zwischen Militär, Industrie und Wissenschaft. Der Zugang zu Geräteplattformen, Testumgebungen und Expertenwissen ist entscheidend. Die IT-Branche verfügt über Erfahrungen, u. a. aus der Automobilbranche, und Best Practices für Kollaborationsplattformen. Konzepte wie digitale Zwillinge (z. B. Modelle von Teilen einer Geräteplattform) und Reallabore bieten hier wertvolle Möglichkeiten für praxisnahe Entwicklung und Evaluation.
Besonders wichtig ist die Etablierung gemeinsamer Standards und Zielbilder. Nur so lassen sich modulare Lösungen entwickeln, die langfristig weiterverwendet und ausgebaut werden können.
Software Defined Defence ist kein abstraktes Zukunftskonzept, sondern ein konkreter Handlungsrahmen für moderne Streitkräfte mit einem in Deutschland geschätzten Marktwert von 5 Milliarden Euro (Quelle: Bitkom). Wer die Möglichkeiten der Software nicht nutzt, verliert nicht nur an Effizienz, sondern riskiert, im digitalen Wettrüsten zurückzufallen. Die gute Nachricht: Viele Bausteine sind vorhanden – es braucht jetzt den gemeinsamen Willen, sie klug und sicher zusammenzufügen.
Materna fokussiert sich im Umfeld Software Defined Defence auf die Themen Interoperabilität mittels offener Betriebsplattformen, Cybersicherheit als ganzheitlichen Ansatz sowie Cloud- und KI-Anwendungen. Weitere Themen sind Architektur-Management Bw, Anwendungen im Bereich VS-NfD bis NATO Restricted mit der Lösung Secure PIM, das Electronic Kneeboard für die Luftwaffe, der Bereich Digitalisierung Landbasierter Operationen (D-LBO) sowie smarte Routenplanung für den Operationsplan Deutschland.
Stephan Ursuleac ist Lead Business Development Safety & Defence bei Materna OTL d.R.